Taykut, wie kam es damals überhaupt zu deinem Wechsel von Viktoria nach Cottbus?
Über eine Kontaktperson wurde der Trainer von Energie Cottbus auf mich aufmerksam. Dann haben wir mit Viktoria gegen Cottbus gespielt und ich habe in diesem Spiel eine sehr gute Leistung gezeigt. Danach hat sich der Trainer über WhatsApp bei mir gemeldet und mir gesagt, dass Interesse besteht.
Ich habe schon ein paar Tage darüber nachgedacht, weil sich dadurch auch in Bezug auf die Schule einiges verändern würde. Fußballerisch war ich mir aber eigentlich von Anfang an sicher, dass ich diesen Schritt gehen möchte.
Hast du damals gedacht: Jetzt bin ich im NLZ und der nächste Schritt ist der Profifußball?
Ich muss ehrlich sagen: Ich habe schon ein bisschen davon geträumt. Natürlich war das die Hoffnung. Im Laufe des Jahres hat sich meine Sicht darauf aber verändert. Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich möchte dieses Jahr genießen und alles Weitere auf mich zukommen lassen.
Wie groß war der Unterschied zwischen Viktoria und dem NLZ?
Die individuelle Qualität war schon höher, wobei wir auch bei Viktoria sehr gute Spieler hatten. Vor allem die Athletik und das gesamte Drumherum waren aber deutlich ausgeprägter. Ich musste mich erst einmal an das höhere Tempo und die Athletik gewöhnen. Das hat vielleicht ein oder zwei Wochen gedauert. Danach war ich drin und konnte mithalten.
Wie muss man sich eine normale Trainingswoche in einem NLZ vorstellen?
Wir hatten eigentlich jeden Tag Training und an zwei Tagen sogar zwei Einheiten. Dazu kam die Vor- und Nachbereitung.
Uns wurde dabei viel Eigenverantwortung gegeben. Niemand hat uns gezwungen, zusätzlich etwas zu machen. Bei mir hat es sich aber irgendwann so entwickelt, dass ich 15 oder 20 Minuten vor dem Training in den Kraftraum gegangen bin, mich ausgerollt und mit Bändern gearbeitet habe. Nach dem Training bin ich teilweise noch eine halbe Stunde oder Stunde im Kraftraum geblieben. Irgendwann wurde es völlig normal, früher zu kommen und später zu gehen.
Das klingt schon ziemlich nach Profifußball.
Das war tatsächlich sehr nah dran. Wir hatten zum Beispiel zu Beginn der Saison eine Leistungsdiagnostik zusammen mit den Physios und Athletiktrainern der Profis. Dabei wurden unter anderem Beweglichkeit und Sprungkraft getestet. Danach konnte man sehr transparent sehen, wo die eigenen Schwächen liegen und woran man arbeiten muss. Daraus haben wir individuelle Trainingspläne bekommen.
Wie groß ist der Konkurrenzdruck in einer solchen Mannschaft?
Sehr groß. Gleichzeitig waren wir als Mannschaft trotzdem wie eine Familie, und das hat einiges vom Druck genommen. Aber natürlich wollte jeder spielen und jeder wollte sich zeigen.
Gerade als wir gegen große Gegner auf großen Bühnen gespielt haben, wurde das noch stärker. Ich habe das auch bei mir selbst gemerkt. Manchmal habe ich mehr über meinen direkten Konkurrenten nachgedacht als über mich selbst: Wie trainiert er? Spielt er vielleicht demnächst? Obwohl ich selbst Spielzeit bekommen habe, hatte ich meinen Konkurrenten im Hinterkopf.
Gab es auch eine Phase, in der dieser Druck für dich schwierig wurde?
Ja, auf jeden Fall. Und ich finde es wichtig, darüber offen zu sprechen, weil viele Spieler das nicht gerne tun.
In der Rückrunde war ich häufig im Kader, habe aber teilweise 90 Minuten auf der Bank gesessen. Das macht etwas mit einem. Ich hatte Situationen, in denen ich wirklich zu kämpfen hatte.
Zum Glück hatte ich gute Menschen um mich herum. Irgendwann habe ich mich selbst gefragt, warum ich das alles überhaupt mache. Dabei habe ich wieder realisiert, wie sehr ich diesen Sport liebe. Genau deshalb spiele ich Fußball. Ich habe dann versucht, wieder freier zu spielen und mir nicht ständig Gedanken darüber zu machen, was in Zukunft passiert. Danach wurde es Schritt für Schritt wieder positiver.
Gab es in Cottbus Unterstützung für solche Situationen?
Ja, und dafür bin ich sehr dankbar. Unser Trainerteam war sehr offen. Unser Cheftrainer hat uns gesagt, dass wir jederzeit anrufen, schreiben oder persönlich zu ihm kommen können.
Außerdem hatten wir eine Psychologin als Ansprechpartnerin. Mit ihr haben wir beispielsweise zu Beginn der Saison darüber gesprochen, wie wir uns fühlen und was wir uns von der Saison erhoffen. Diese Unterstützung war sehr wertvoll.
Wie viel Eigenverantwortung braucht ein Spieler im NLZ?
Sehr viel. Die Trainer haben uns von Anfang an gesagt, dass uns nichts geschenkt wird und jeder um seinen Platz kämpfen muss.
Wenn du siehst, dass deine Mitspieler zusätzlich in den Kraftraum gehen, fragst du dich natürlich auch, was du selbst noch tun kannst. Gerade im Winter gab es Tage, an denen man nach dem Training eigentlich nur duschen und nach Hause wollte. Trotzdem bin ich teilweise noch eine Stunde geblieben, obwohl es draußen schon dunkel und kaum noch jemand da war.
Das hat sehr viel mit Eigenverantwortung zu tun.
Gehören dazu auch Dinge wie Schlaf und Ernährung?
Absolut. Mein Schlafrhythmus war in Cottbus sehr geregelt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, welchen Einfluss guter Schlaf auf meine Leistung hat.
Auch die Ernährung verändert sich. Wenn du jeden Tag auf einem hohen Niveau trainieren möchtest, musst du darauf achten, was und wann du isst. Da verzichtet man dann eben auch einmal auf Süßigkeiten oder den Snack spät in der Nacht.
Du hast gleichzeitig dein Fachabitur gemacht und ein Praktikum absolviert. Wie hat das funktioniert?
Es gab Tage, an denen ich morgens trainiert habe, danach direkt zu meinem Praktikumsbetrieb gefahren bin und zwischen den Trainingseinheiten meine Stunden absolviert habe. Anschließend ging es wieder zum Training.
Der Betrieb kooperierte mit Energie Cottbus und hat natürlich so viel Rücksicht genommen, wie es möglich war. Trotzdem gab es Situationen, in denen man einfach die Zähne zusammenbeißen musste.
Bleibt bei einem solchen Tagesablauf überhaupt noch Freizeit?
Ehrlicherweise nicht besonders viel. Es gab natürlich freie Zeit, vor allem an Tagen mit nur einer Trainingseinheit. Aber im Grunde hat sich sehr viel um den Fußball gedreht.
Ich habe in einer WG gewohnt. Meine Mitbewohner haben nach dem Training teilweise noch etwas unternommen. Ich war häufig einfach müde und bin lieber nach Hause gegangen, um mich auszuruhen.
Natürlich bekommt man auch mit, wenn die Freunde in Berlin gemeinsam etwas unternehmen. Aber wenn am nächsten Morgen Training ist, fährt man eben nicht mal schnell nach Berlin. Auf solche Dinge muss man verzichten.
Was unterschätzen Außenstehende am Leben in einem NLZ am meisten?
Von außen wird vieles sehr positiv wahrgenommen. Die Leute sagen: Du spielst doch Fußball, du bist im NLZ – genau das wolltest du doch.
Aber es gibt viele Dinge, die sehr anspruchsvoll und belastend sind. Dazu gehören zum Beispiel lange Reisen. Wenn man acht oder neun Stunden im Bus sitzt, um zu einem Spiel zu fahren, ist das eben auch Teil dieses Lebens.
Vor allem wird meiner Meinung nach die mentale Belastung unterschätzt. Außenstehende sehen häufig nicht, welcher Druck durch die eigenen Erwartungen und die Erwartungen von außen entstehen kann.
Wenn man es in ein NLZ geschafft hat – ist der Weg zum Profi dann nicht eigentlich schon vorgezeichnet?
Das habe ich am Anfang tatsächlich auch gedacht. Aber das ist nicht die Wahrheit.
Natürlich ist ein NLZ ein gutes Sprungbrett und man hat dadurch gewisse Vorteile. Aber selbst wir haben eine sehr gute Saison gespielt und gehörten in der Deutschen Meisterschaft zu den acht besten Mannschaften. Trotzdem haben nur wenige Spieler anschließend den Sprung in den Profifußball geschafft.
Der Schritt vom Jugend- in den Männerfußball ist sehr schwer und hängt von vielen Faktoren ab.
Würdest du dich trotzdem wieder für das NLZ entscheiden?
Zu 100 Prozent. Ich habe unglaublich viele Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen und sehr viele Erfahrungen gesammelt. Für mich ist es wichtig, aus seiner Komfortzone herauszukommen und neue Erfahrungen zu machen. Deshalb bin ich mit meiner damaligen Entscheidung absolut zufrieden.
Was hast du dabei über dich selbst gelernt?
Ich wusste vorher schon, dass ich hartnäckig bin. Durch diesen Leistungsdruck habe ich mich aber noch einmal auf eine andere Art kennengelernt. Ich bin klarer mit mir selbst geworden.
Vor allem weiß ich heute: Egal welche Herausforderung in Zukunft kommt, ich werde versuchen, sie anzunehmen. Die Zeit in Cottbus hat mir gezeigt, dass ich mit schwierigen Situationen umgehen kann.
Nach Cottbus bist du nun wieder bei Viktoria. Wie erlebst du den Schritt in den Männerfußball?
Der Unterschied ist deutlich. Im NLZ ging es sehr stark um Schnelligkeit, Tempo und Athletik. Im Männerbereich ist alles noch einmal körperlicher. Gerade in der Berlin-Liga spielen Zweikämpfe eine größere Rolle, teilweise ist es auch taktisch anders. Man muss schon einiges mehr einstecken.
Was möchtest du in dieser Saison mit unserer 1. Männer erreichen?
Ich möchte am Ende der Saison sagen können, dass ich mit meiner Leistung zufrieden bin und möglichst viele Minuten gesammelt habe. Natürlich würde ich am liebsten jedes Spiel 90 Minuten spielen. Als Außenverteidiger möchte ich außerdem Tore und Vorlagen beisteuern.
Das Wichtigste ist für mich aber, der Mannschaft mein Bestes zu geben und den Spaß am Fußball zu behalten.
Nebenbei möchtest du jetzt studieren. Warum ist dir das wichtig?
Ich finde es immer wichtig, einen Plan B zu haben. Das war schon während meiner Zeit in Cottbus so und das würde ich jedem jüngeren Spieler empfehlen: Habt neben dem Fußball immer einen Plan B.
Angenommen, ein Spieler unserer U15, U16 oder U17 bekommt ein Angebot von einem NLZ. Worüber sollte er sich Gedanken machen, bevor er zusagt?
Als Erstes über die Bildung. Ich würde mir anschauen: Welche schulischen Möglichkeiten habe ich dort? Wie ist das System aufgebaut? Kann ich einen vernünftigen Abschluss machen? Das ist für mich das Wichtigste.
Als Zweites muss man sich darüber im Klaren sein, was man dafür opfert. Man hat weniger Freizeit und möglicherweise weniger Zeit für Freunde und Familie.
Und als Drittes sollte man sich fragen, ob man wirklich bereit ist, die Extrameile zu gehen. Bin ich bereit, früher zum Training zu kommen? Bleibe ich danach noch länger? Kümmere ich mich um meine Vor- und Nachbereitung? Passe ich meine Ernährung und meinen gesamten Alltag an? Man sollte sich ehrlich fragen, ob man das wirklich zu 100 Prozent möchte.
Was kann ein junger Viktoria-Spieler schon heute tun, wenn er irgendwann in einem NLZ spielen möchte?
Versucht, eure Leistung konstant zu bringen. Aber werdet dabei nicht egoistisch. Es wird nicht nur darauf geschaut, was ihr auf dem Fußballplatz könnt. Es geht auch darum, wie ihr euch außerhalb des Platzes verhaltet und wie ihr euch als Mensch gebt.
Auch die Schule ist wichtig. Das wird von vielen unterschätzt. In einem NLZ wird durchaus darauf geachtet, wie ein Spieler schulisch dasteht und wie er sich dort verhält. Der Leistungsdruck besteht also nicht ausschließlich auf dem Fußballplatz.
Zum Abschluss: Wenn du heute deinem 15-jährigen Ich einen Rat geben könntest – welcher wäre das?
Ich würde mir sagen: Sei nicht so verkrampft. Glaube an deine eigenen Fähigkeiten und denke nicht ständig darüber nach, was irgendwann in der Zukunft passieren könnte.
Bleib im Hier und Jetzt. Geh von Spiel zu Spiel und mach dir nicht zu viele Gedanken.