Hier eine etwas längere Passage aus dem Buch:
Das Glück der kleinen Dinge
Diese Welt war einst gewaltig groß. Es gab Ozeane, die sich bis in die Anderswelt erstreckten, alte Baumriesen mit zwei Metern Stammdurchmesser, Wollhaarmammuts und Dinosaurier – und inmitten all dieser Größe hatten wir das Glück, auf gesegnete Weise klein zu sein. Viele Jahrtausende lang war der Mensch auf dieser Erde nur eine Randerscheinung. Die längste Zeit unserer Geschichte haben wir in engen Gruppen gelebt, wobei unsere Spezies meist von der Fülle der kleinsten Gaben des Landes lebte: Beeren, Nüsse, Fichtenspitzen und, ja, sogar Maden.
Einige Archäologen meinen, diese lange Zeit der vorlandwirtschaftlichen Kleinheit sei ein Goldenes Zeitalter für die Menschheit gewesen, eine Zeit, die von Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und Frieden zwischen uns und der Natur geprägt war. Irgendwann nach dem Aufkommen der Landwirtschaft begann jedoch der Aufstieg des Großen.
In einigen Teilen der Welt führten riesige Monokulturen von Getreide zu wachsenden Bevölkerungen, zur Entstehung von Stadtstaaten und einem Kreislauf von Ungleichheit und Ausbeutung. Im Laufe der Zeit wurde Quantität statt Qualität, Reichtum statt Sachkenntnis oder Feingefühl zum Maßstab für Erfolg. Die heutige westliche Kultur ist das Urenkelkind dieses Wandels. Je weiter wir uns von der Wertschätzung der Abläufe im Kleinen entfernten, desto mehr waren wir davon besessen, so groß wie die Erde zu werden. Wir bauten Wolkenkratzer, die höher waren als Bäume, die Kolonisierung verbreitete sich wie Löwenzahnsamen, und die weiten ursprünglichen Prärien Nordamerikas verschwanden unter Sojafeldern.
Das Problem mit dieser Überbewertung des Gigantischen ist, dass sie uns von unserer Fähigkeit abschneidet, Teil des Lebens zu sein. Wenn wir einen Fluss stauen, um Strom zu erzeugen, vergessen wir, dass die wahre Kraft in der Fruchtbarkeit frei fließender Wasserwege liegt. Letzten Endes verdunkelt unsere Fixierung auf das Große unweigerlich den Sinn des Menschseins – die Fähigkeit, sich dem Kleinen zu widmen. Unsere Hände mit ihren gegenüberliegenden Daumen wurden geschaffen, um so komplizierte Dinge zu tun wie, Himbeeren zu pflücken, Teppiche zu knüpfen und im Schlamm Kristalle zu finden. Unsere Augen wurden geschaffen, um die kleinsten Hinweise in einer Fährte zu erkennen oder um in der Küstenlinie Muster zu sehen. Unsere Herzen wurden geschaffen, damit sie von schlichter Erhabenheit bewegt werden.
Trotz dieses Hangs zur Größe, den wir verinnerlicht haben, wird in dieser Zeit der Vorzug eines solchen Lebens in Frage gestellt. Tiny Houses, Slow Fashion, lokale Lebensmittel – die Verheißung des Kleinen kehrt zurück wie Glimmer unter den Füßen. Wie bei der Suche nach Kristallen im Schlamm kann es eine Zeit dauern, bis wir etwas finden, aber jeder kleine Schimmer ist wie ein Brotkrümel im Wald. Heute weiß die Wissenschaft, dass die wichtigsten Dinge des Lebens aus dem Kleinsten gesponnen sind – etwa die DNA, Algen und die Elemente, aus denen unser Boden besteht, eben jene Mineralien, die durch die Unachtsamkeit der industriellen Landwirtschaft weggespült werden. Diese winzigen Dinge sind die Bausteine des Lebens, und uns wird bewusst, dass wir, wenn wir in dieser großen Welt eine Zukunft haben wollen, lernen müssen, die kleinen Dinge zu achten. Eine neue Zeit bricht an, und sie beginnt mit der Heilkraft des Kleinen.
Lasst Euch gerne anstecken von der heilsamen Tröstung, die von diesem Buch ausgeht. Damit grüßt Euch
herzlichst Euer
Andreas Lentz