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Liebe Freund*innen,
Tausende Menschen nehmen Anteil am Schicksal eines gestrandeten Buckelwals und ein paar Kilometer weiter wird gleichzeitig in Rostock der Rekord für das längste Fischbrötchen der Welt gebrochen. Über 42 Meter lang, mit 120 kg Hering belegt.1 In Deutschland werden KI-Songs für einen Meeressäuger gesungen und der Versuch unternommen, sich »auratisch« mit dem Tier zu verbinden.2 Gleichzeitig sterben Menschen im Mittelmeer auf der Flucht nach Europa, gleichzeitig schimpft man auf arbeitslose und von Armut betroffene Menschen, auf Menschen mit Migrationsgeschichte und ganz allgemein auf marginalisierte Gruppen. Unser Mitgefühl ist hochgradig selektiv, aber auch fremdbestimmt, weil im Kapitalismus unsere Gefühle politisch bewirtschaftet werden. Wir werden mit Mitgefühl munitioniert und mit Desinteresse und Verachtung bewaffnet, weil es einem bestimmten Zweck dient. Deshalb wollen wir heute mit euch über Gefühle sprechen. | Warum fühlen wir (mit)?
Die Aufregung um den gestrandeten Wal war (und ist noch immer) gewaltig. Wenn man sich anschaut, wie viel mit einer möglichen Rettung dieses Lebewesens verbunden wurde, dann könnte man den Eindruck bekommen: Für einige ging es um kaum weniger als das Schicksal der Welt.3 Darüber hinaus wurde das (Mit-)Gefühl für das Tier gezielt genutzt. Und zwar von Menschen, die das Schicksal des Wales mit einer ganz spezifischen Systemkritik gegen »die da oben« verknüpfen, das Tier durch Namensgebung (Hope/Timmy/Fridolin) bewusst vermenschlichen und den Wal zu »einem von uns erklären«4. Einer von uns wird da liegengelassen, einem von uns geht es schlecht und einem von uns müssen wir jetzt mit ganzer Kraft helfen. Das geschieht nicht zum ersten Mal. Als 2018 der Hund Chico eingeschläfert werden sollte, nachdem er zwei Menschen getötet hatte, forderten knapp 300.000 Menschen, dass der Hund am Leben bleiben müsse. Nach seiner Tötung wurde eine Mahnwache abgehalten. Chico sei »ihr Held und Freiheitskämpfer« rief der Initiator der Mahnwache ins Mikrofon und sprach zu Gleichgesinnten, von denen manche überzeugt waren, der Hund hätte gar nicht zugebissen.5 Diese Form der Verschwörungserzählung scheint sich in und nach den Coronajahren noch einmal verstärkt zu haben. Sie ist schneller zur Hand und scheint für all die verfügbar, die beherzt genug zugreifen. Fakten verlieren immer häufiger gegen Gefühle, wenn es »alternative Fakten«, sowie behauptete oder tatsächliche »Fake News« gibt.6 Deshalb ist es umso wichtiger, im Blick zu behalten, wann wir politisch aufgefordert sind, etwas zu empfinden und wann nicht. | Warum fühlen wir nicht (mit)?
Wenn wir nicht mitfühlen, liegt das zum einen daran, dass sich ein politischer Gefühlsappell nicht mit unserer politischen Einstellung und unserer moralischen Haltung deckt. Das zeigt sich nicht nur daran, dass Rechte keine Skrupel bei ihrer völligen Gefühllosigkeit oder gar Häme und Gewalt gegenüber marginalisierten Menschen haben. Das zeigt sich aber zum Beispiel auch am Mord von Charlie Kirk: Viele Linke fragten sich, wie viel Empathie man für einen offenkundig Empathielosen aufbringen sollte.7 Das Nicht-Mitfühlen liegt außerdem daran, dass wir alle zutiefst erschöpft sind. Die Frage nach dem »erschöpften Selbst« in der Gegenwart8 oder nach der »Gesellschaft der Singularitäten«9 beschäftigt Soziologie und Philosophie schon eine ganze Weile. Die Diagnose der grunderschöpften Gesellschaft in der Gegenwart ist also nicht neu. Wir sollen als Einzelpersonen individuell auf systemische Schieflagen reagieren und scheitern bis zur Dauererschöpfung oder Selbstaufgabe daran. Zum Beispiel die PR-Kampagne »ökologischer Fußabdruck« des Ölgiganten BP: Jede*r Einzelne soll den CO₂-Ausstoß minimieren, während das klimaschädliche Kerngeschäft »systemrelevanter« Ölkonzerne unangetastet bleibt.10
Wir sprechen aber noch zu wenig darüber, inwiefern diese Vereinzelung und die letztendliche Überwältigung über Gefühle funktioniert. Womöglich auch, weil wir zu erschöpft sind, uns damit auseinanderzusetzen und darüber zu reden. Denn wir sind rund um die Uhr aufgefordert, uns zu allem emotional zu verhalten. Zu Waren, zu Skandalen, zu politischen Umfragen. Zu einem Wal, zu einem Hund und zum Verlobungsring von Taylor Swift. Im Privatleben, in der Öffentlichkeit und in sozialen Netzwerken, die über Daueremotionalisierung längere Nutzungszeiten abgreifen und damit sehr viel Geld verdienen. | Ja, es stimmt: Spritpreiserhöhungen lösen bei den meisten mehr Gefühle aus als der eigentliche Grund dafür, der Krieg im Iran. Das liegt an dem, was der Liedermacher Funny van Dannen mal so schön als Vorzug der »Räumlichen Distanz« besungen hat.11 Es stimmt aber auch, dass wir emotional ausgebrannt sind und mit unserer verbliebenen Rest-Emotionalität auf Dinge abgelenkt werden. Der britische Wissenschaftler Mark Fischer hat schon 2013 analysiert, wie im Kapitalismus Stress privatisiert wird und das mit der Feststellung verknüpft, dass es uns leichter fällt, uns das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.12 Weil nur so das System erhalten bleiben kann. | Sind wir zu erschöpft für feministische Anliegen?
Für den politischen Aktivismus, den wir gemeinsam mit euch und vielen anderen betreiben, stellt sich daher die Frage, wie wir ihn angesichts dieser eben auch emotionalen Überforderung überhaupt leisten können. Wie können wir Mitgefühl für (andere) entrechtete, diskriminierte, marginalisierte Menschen aufbringen, wenn man sie uns weit, weit weg erzählt, ihre Anliegen und Lebenswege karikiert und belügt und uns gleichzeitig damit zuballert, eine neue Hose geil zu finden, die News zu feelen, uns über Spritpreise zu ärgern und mit einem Wal mitzufiebern? Wer zu oft erfolgreich mit der Frage »Was macht das mit Ihnen?!« überrannt wird, macht am Ende durch Erschöpfung und Überforderung deutlich weniger, als er*sie eigentlich möchte. Gerade weil eine feministische Weltrevolution dringend nötig wäre, stabilisiert unsere (emotionale) Erschöpfung das System. Andernfalls hätten Alleinerziehende, pflegende Angehörige, von Armut betroffene Menschen, rassifizierte Menschen und objektifizierte Frauen längst alles angezündet. Aber die sind zu beschäftigt und zu erschöpft. Deren Gefühle werden am ausdauerndsten und grausamsten bewirtschaftet. | Am Ende bleibt uns nichts anderes übrig, als uns erschöpft aneinanderzulehnen, beieinander Kraft zu finden und es trotzdem zu tun. Wir können die Frage, was dieses oder jenes mit uns macht, häufiger einfach nicht beantworten. Wir können der Versuchung widerstehen, immer in Superlativen fühlen zu müssen. Wir können uns dem schlechten Gewissen entziehen, mit dem uns patriarchaler Kapitalismus weismachen will, wir würden ihm dieses oder jenes Gefühl schulden. (Und wir können mit Fug und Recht sagen, dass wir zu einem einzigen Wal nun wirklich nicht auch noch Gefühl oder Haltung aus uns rausquetschen können.) Damit wir beim Kampf gegen Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit aufstehen und sagen können: Fühlen wir!!! | Kraftvolle Grüße von euren PINKSTINKS-Gefühlsbeobachter*innen | Hörtipp zum Thema: Im Podcast »Erschöpfung statt Gelassenheit« beschäftigt sich Kathrin Fischer mit der gesellschaftlichen Erschöpfung – mit spannenden Gäst*innen betrachtet sie das Problem aus unterschiedlichen Perspektiven, stellt das System und Strukturen in Frage. Und immer ist klar: Individualisierung und mehr persönliche Achtsamkeit sind nicht die Lösung. | | PS: Ihr wollt einfach mal aufschreiben, wo euch das Patriarchat und der Kapitalismus Gefühle und den letzten Nerv rauben? Oder ihr braucht auf dem Schreibtisch ein Symbol für unsere feministische Bewegung? Das geht beides wunderbar mit unserem tollen lilafarbenen PINKSTINKS Notizbuch. Und wenn ihr das bei uns im Online-Shop kauft, unterstützt ihr damit ganz nebenbei feministischen Aktivismus! | PPS: Manchmal tut’s auch ein gutes Buch, um zu verstehen, wie eine gerechtere Gesellschaft aussehen könnte. Buchtipps zu allerlei feministischen Themen findet ihr auf unseren beliebten Empfehlungsseiten. | | |
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