»Der Mond beginnt am Nachthimmel zu wachsen, die Tage werden nun wieder länger. Das Licht kehrt in die Welt zurück. Alle begrüßen das Licht.
Allerdings ist es die Dunkelheit, die uns umgibt, uns hält und uns erschafft. Wir kommen aus der Dunkelheit und kehren zu ihr zurück. Samen keimen in den Tiefen der Erde. Babys entwickeln sich im Kokon des Mutterleibs. Sterne werden von Schwarzen Löchern verschlungen und entstehen als Welten. Unser Leben ist von Dunkelheit umhüllt.
Meistens erinnern wir uns nicht daran, wer wir vor unserer Geburt waren, an die Vielzahl von Leben, die wir gekannt haben, an die Inkarnationen, die wir erlebt haben, an unsere Traumata und unsere Schätze, die in unserer Seele vergraben sind. Wir wissen nicht, was vor uns liegt – der Tod mit Sicherheit, aber wann dieser Tod kommen wird und wohin er uns führen wird, wissen wir nicht. Unser Planet, sogar unsere Sonne, unsere Galaxie drehen sich durch weite Bereiche dunkler Materie. Der größte Teil des Kosmos besteht aus dunkler Materie, und niemand weiß, was sie wirklich ist.
Jede Nacht tauchen wir ein in die Dunkelheit des Schlafes, in die schattenhaften Welten unserer Träume, in das große Unbekannte, das zugleich ein großes Erinnern ist, und wir erwachen mit der Sonne, erneuert und revitalisiert. Doch es ist die Dunkelheit, die uns tröstet, uns wachsen lässt und uns einen Ort der Heilung bietet. Wir benötigen die Dunkelheit, um zu dem zu werden, was wir wirklich sind.
Die Dämonisierung der Dunkelheit, ihre Gleichsetzung mit allem, was schlecht und unerwünscht ist, war natürlich auch die Dämonisierung der Frauen und des Mutterleibs, des Todes und des Grabes, des Anderen, der Missbrauchten, der Versklavten und Unterworfenen, der Gefürchteten.
Aber die schlimmste Gewalt, die die Welt je gesehen hat, begann mit der Aufklärung [engl.: enlightenment] – Hexenverbrennungen, kolonialen Eroberungen, die Unterwerfung der gesamten Natur unter Vernunft und Logik, unter Erkennbarkeit und Gewissheit. Die Lichter sind immer an, und die Welt brennt. Ich habe keine Angst vor der Dunkelheit. Ich habe Angst vor den fluoreszierenden Lichtern, die in den chromverkleideten Sitzungssälen vernünftiger Männer glänzen.
Die Männer, die ihre Gefangenen und Opfer – und sich selbst – quälen, indem sie dafür sorgen, dass die Lichter immer an sind.
Die Dunkelheit für sich zu beanspruchen, nicht nur zur Wintersonnenwende, sondern jeden Tag. Zu wissen, dass die Dunkelheit unsere Welt direkt hinter der Sonne umgibt, zu wissen, dass hinter der Helligkeit des Mondes die dunkle Seite des Mondes liegt, die wir nie sehen, zu wissen, dass zwischen den Sternen Weiten der Schwärze liegen, die nichts als Geheimnisse bergen, bedeutet zu wissen, dass wir nichts wissen.
Nichts ist sicher. Das Credo der Fundamentalisten – ob nun in Religion oder Wissenschaft – ist Klarheit und Leuchtkraft des Wissens. Zu wissen, was gut und schlecht, richtig und falsch, innen und außen, Vergangenheit und Zukunft ist. Es ist die Arroganz, mit einer Taschenlampe in eine kleine Ecke eines Raumes zu leuchten und so zu tun, als würde man den Wald verstehen, der das ganze Haus umgibt.
Aber das Haus zu verlassen und in den Wald zu gehen, bedeutet auch, sich auf all das einzulassen, was wir nicht wissen. Was wäre, wenn unser einziges Credo wäre: »Ich weiß es nicht. Es ist ein Geheimnis.« Was wir dort entdecken, wenn wir die Dunkelheit annehmen, ist die unermessliche Magie all dessen, was wir wirklich sind, all dessen, was wir werden könnten, all dessen, was uns liebt.
Denn auch wenn wir die Dunkelheit nicht ergründen können, können wir uns von ihr umarmen lassen, sie als unsere dunkle Mutter erkennen, als die schwarze Madonna, die Mutter, die so viel größer und älter ist als jeder Gott. Die Dunkelheit ist kein Ding, die Dunkelheit ist eine Mutter. In den ältesten Geschichten war Weisheit immer der dunkle Körper einer Frau. Weisheit kommt aus dem Schoß, Weisheit ist das Wissen, dass der Schoß und das Grab eins sind, dass alle Seelen geboren werden und sterben und wieder inkarniert werden. Weisheit ergibt sich, wenn wir die lange Geschichte unserer Seelen, die sich durch die Dunkelheit windet, wieder für uns beanspruchen.
Vor kurzem war Wintersonnenwende. Aber nur weil das Licht zurückkehrt, bedeutet das nicht, dass die Dunkelheit verschwunden ist. Die Dunkelheit ist allgegenwärtig, und sie anzuerkennen und uns vor ihren Geheimnissen zu verneigen, bedeutet, uns für all das zu öffnen, was wir noch nicht wissen und uns noch nicht vorstellen können – für die unvorstellbare Magie der Schöpfung selbst.
Rufen Sie die Dunkelheit herbei, rufen Sie die dunklen Mütter herbei, und sie werden uns durch das Geheimnis zu all der Magie führen, die in unseren Träumen verborgen ist.
Das beste Buch über die Dunkelheit wurde natürlich von meinem Ehemann Clark Strand geschrieben«: »Aufwachen zur Dunkelheit«
Das Abschlusskapitel Das Evangelium nach der Dunkelheit gibt es hier kostenlos im Download: https://shop.neueerde.de/out/media/strand-aufwachen-dunkelheit-evangelium.pdf.
Es ist das abschließende Kapitel des Buches.