Aber das ist nicht der ganze Fluss. Der besteht nämlich aus Zuflüssen und deren kleineren Zuflüssen und den schmalen, ihnen zufließenden Bächen und so weiter bis hin zu den zeitweiligen Rinnsalen und am Ende den feinsten Wasseräderchen im Boden.
Und ja: So gesehen, sind wir alle zumindest über haarfeine Äderchen mit einem Fluss verbunden.
Allenthalben wird derzeit vom Niedrigwasser gesprochen, und klar: Die Nebenflüsse hat man ebenfalls auf dem Schirm. Aber dann verliert sich der Blick rasch. Dabei ist Niedrigwasser, im Ganzen gesehen, eine Austrocknung des gesamten Flusses, der – wie eben gesagt – aus einem ganzen Wassereinzugsgebiet besteht. Wenn man dem Fluss nur halbwegs seinen Lauf lässt, führt das zu Überflutungsgebieten, die bei hohem Wasserstand Wasser zurückhalten, das sie bei Niedrigwasser nach und nach abgeben.
Die systemische Betrachtung auf das, was ein Fluss ist, nimmt James C. Scott in seinem Buch »Der ungezähmte Fluss« umfassend in den Blick. Was vielen gar nicht bewusst ist: Flüsse sind erdgeschichtlich sehr jung; erst mit dem Ende der letzten Eiszeit sind sie entstanden. Und sie sind eng mit dem Leben – auch mit dem menschlichen Leben – verbunden. Bis heute liegen fast alle großen Siedlungen an Flüssen.
Wie alle anderen Lebewesen hat sich auch der Mensch an die Gegebenheiten des Flusses, an seine Rhythmen und Hochwasserimpulse anpassen müssen, bis von fossiler Energie angetriebene Maschinen eine großflächige Umgestaltung der Flusslandschaft ermöglichten. Zwar gab es zum Beispiel schon im Alten China weiträumige Eindeichungen und Trockenlegungen, doch mit heutigen Flussbegradigungen und Staudammprojekten sind die nicht zu vergleichen.
So hat die menschliche Ingenieurskunst uns in dem Glauben gewiegt, wir hätten den Fluss gezähmt. Doch wie heißt es so passend: Gottes Mühlen mahlen langsam. Die großen Sünden rächen sich oft erst nach Generationen. Darum sind alle Versuche, etwas zu »reparieren« nur Symptombehandlungen. Wollen wir Heilung, müssen wir das ganze System in den Blick nehmen.
Es beginnt mit lebendigem Boden und Vegetation, die Wasser binden und recyceln, den Boden kühlen und Verdunstung vermindern, mit der Renaturierung von Feuchtgebieten im gesamten Einzugsbereich des Flusses, mit der Beschattung der Gewässer und der Verlangsamung ihres Abflusses und am Ende – ja – mit der Infragestellung vieler Flussbauten, die den freien Fluss behindern.
Das ist dann für viele ein »No-Go«, weil es in der Konsequenz unser gesamtes Wirtschaftssystem infrage stellt. Doch was uns der Fluss lehrt, ist dieses: Ökonomie beruht immer auf Ökologie. Wenn wir die ökologischen Bedingtheiten außer acht lassen, schlägt das auf kurz oder lang auf unsere Ökonomie durch. Je schwerwiegender die ökologischen Sünden, desto länger dauert es, bis sich die Auswirkungen zeigen. Aber um so schwerer wird es auch, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Das heißt für jetzt: Je länger wir mit untauglichen Mitteln einen fehlerhaften Ansatz weiterverfolgen, desto größer wird der Berg an Problemen, den wir vor uns herschieben. Auch für Einsicht gilt: Spät ist besser denn niemals.
Bücher, die Einsichten vermitteln, erscheinen seit mehr als 40 Jahren bei Neue Erde. Aktuell in diesem Zusammenhang nenne ich hier stellvertretend nur
WILDING und DER UNGEZÄHMTE FLUSS (erscheint demnächst, kann vorbestellt werden).
Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.
In diesem Sinne grüßt
herzlichst Euer
Andreas Lentz