Statt Hotelzimmer: gemeinsam wohnen. Gemeinsam erleben. Gemeinsam wachsen.
Ich finde diese Idee eines Kollegen großartig: Er ist aktuell mit seinem Handballteam bei den Nordamerikanischen Meisterschaften in Querétaro, Mexiko. Statt die Mannschaft klassisch in einem Hotel unterzubringen, hat er sich ganz bewusst für ein Airbnb entschieden.
Warum?
Im Hotel zieht sich nach Training oder Wettkampf schnell jeder auf sein Zimmer zurück. In einer gemeinsamen Wohnung oder einem Haus entstehen dagegen Begegnungen ganz nebenbei:
Man sitzt zusammen. Man isst gemeinsam.
Man redet über den Sport – aber eben auch über das Leben.
Man lacht miteinander.
Man spielt vielleicht Karten oder andere Spiele.
Man lernt Seiten aneinander kennen, die im Trainings- und Wettkampfalltag kaum sichtbar werden.
Und genau das kann Verbindung und Teamgefühl stärken.
Mich erinnert diese Idee sofort an die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2014 in Brasilien. Im Campo Bahia lebten die Spieler nicht abgeschottet in einzelnen Hotelzimmern. Der Kader war in kleinere Wohngruppen aufgeteilt. Der DFB schrieb später selbst, dass diese Form des Zusammenlebens ein Miteinander erforderte und einen besonderen Teamgeist förderte. Im DFB-Journal ist von gemeinsamen Schafkopf- und Skatrunden am Abend die Rede.
Vier Wohngruppen, gemeinsames Leben, gemeinsame Erlebnisse – und 32 Tage, die der DFB rückblickend als unvergesslich beschreibt.
Natürlich wird man nicht Weltmeister, weil man in einer Wohngemeinschaft lebt.
Aber der Gedanke dahinter ist für mich hochinteressant: Teamkultur entsteht nicht nur auf dem Trainingsplatz.
Sie entsteht beim gemeinsamen Essen. Beim Gespräch am Abend. Beim Spielen. Beim Lachen.
In Momenten ohne Traineransprache, Taktiktafel und Leistungsdruck.
Gerade diese scheinbar nebensächlichen Situationen können Beziehungen stärken, Vertrauen entstehen lassen und aus einzelnen Sportlerinnen und Sportlern stärker ein Team machen.
Deshalb lohnt sich für Trainerinnen, Trainer und Verantwortliche die Frage: Wie gestalten wir bewusst das Umfeld, in dem unser Team zusammenkommt?
Nicht nur: Wo schlafen wir?
Sondern:
Welche Begegnungen ermöglicht dieser Ort?
Welche Gespräche entstehen dort?
Wie viel echtes Miteinander wird möglich?
Manchmal liegt Teamentwicklung eben nicht in der nächsten großen Maßnahme. Sondern an einem großen Tisch, an dem am Abend alle zusammensitzen.
Quellen:
Quelle: Deutscher Fußball-Bund (DFB), Jahresbericht 2014 – Die Mannschaft / WM 2014 in Brasilien, Abschnitt zum Campo Bahia.
https://www.dfb.de/fileadmin/_dfbdam/120922-JAHRESBERICHT_DFB_GESAMT_fu%C2%A6%C3%AAr_APP.pdf "UNSER KLEINES DORF WURDE ZUM RUHEPOL ZWISCHEN DEN STRESSIGEN REISEN IN DIE SPIELORTE."
https://www.dfb.de/news/detail/heute-vor-zehn-jahren-der-vierte-stern-263017 "Heute vor zehn Jahren: Der vierte Stern"
Teamkultur entsteht nicht nur im Meeting.
Auch im Unternehmen sind es oft die informellen Momente, in denen Vertrauen wächst: beim gemeinsamen Essen, auf einer Reise, vor oder nach einem Workshop, bei einem Spaziergang oder in einer gemeinsamen Unterkunft während eines Offsites.
Der entscheidende Punkt ist die bewusste Gestaltung des Umfelds. Ein Umfeld kann Nähe ermöglichen oder verhindern. Es kann Austausch fördern oder dafür sorgen, dass sich nach dem offiziellen Programm alle sofort zurückziehen.
Für Führungskräfte ergibt sich daraus eine spannende Frage: Wie gestalten wir Räume und Situationen, in denen echte Verbindung entstehen kann?
Denn starke Teams brauchen mehr als Aufgabenverteilung, Ziele und Meetings. Sie brauchen Gelegenheiten, sich als Menschen kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und miteinander Erfahrungen zu machen.
Das heißt nicht, dass jedes Team künftig in einer gemeinsamen Wohnung übernachten sollte. Aber bei Offsites, Führungskräftetagungen, Projekt-Kick-offs oder Teamreisen lohnt sich der Blick über das klassische Tagungshotel hinaus.
Manchmal entsteht die wichtigste Teamentwicklung nicht im Seminarraum, sondern beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen.