| Liebe Freund*innen,
Frauen im mittleren Alter sind weltweit die am schnellsten wachsende Altersgruppe. Was sie verbindet: die Wechseljahre! Ein wichtiges und hochpolitisches Thema, das die Hälfte des PINKSTINKS Teams ganz direkt beschäftigt. Und während es unserer Geschäftsführerin Ariane in den Fingern juckt, einen hitzewalligen Text darüber zu schreiben, welchen Frechheiten eine Wechseljährige tagtäglich ausgesetzt ist, nehmen wir das Thema erstmal politisch unter die Lupe in dieser Politikbeobachter*in-Ausgabe. Das Thema Wechseljahre liegt uns so am Herzen, weil es so viel über Frauen- und Körperhass in unserer Gesellschaft erzählt; wir werden dazu dieses Jahr noch öfter schreiben, aus ganz verschiedenen Richtungen. Was uns auch sehr am Herzen liegt: Natürlich meinen wir im folgenden Text alle Menschen mit Gebärmutter und nicht nur Frauen, wenn wir über die Wechseljahre sprechen. Aber die Studienlage und Statistiken (und die Diskussion) sind nach wie vor sehr binär.
Weltweit werden 2030 etwa eine Milliarde Frauen und Menschen mit Gebärmutter in den Wechseljahren sein. Allein in Deutschland sind gegenwärtig mehr als 9 Millionen Frauen zwischen 40 und 55 Jahre alt und somit mitten in den Wechseljahren. Frauen, die größtenteils in systemrelevanten Berufen arbeiten, die stark von Fachkräftemangel betroffen sind.1 Frauen, die Care-Arbeit leisten, Angehörige pflegen, wählen gehen und eine Wirtschaftsmacht sind. Welche gesamtgesellschaftliche und damit politische Bedeutung das Thema Wechseljahre eigentlich hat, darüber wird viel zu selten gesprochen. | Warum werden Wechseljahre als Problem markiert?
Wenn in der Presse über die Wechseljahre (oder einzelne Phasen davon, wie die Perimenopause) berichtet wird, dann schwingt häufig eine gehörige Portion Alarmismus mit. »Wenn Hormone der Wirtschaft schaden« heißt es da zum Beispiel.2 Und dann wird der »volkswirtschaftliche Schaden« vorgerechnet: Etwa 40 Millionen Arbeitsstunden gehen der Wirtschaft aufgrund der Menopause verloren. 9,4 Milliarden Euro kostet es, dass Frauen aufgrund ihrer Beschwerden in Teilzeit gehen (Grüße an die »Lifestyle-Debatte« rund um Teilzeit, die von der CDU losgetreten wurde), den Beruf wechseln oder kündigen, häufiger krankgeschrieben sind oder vorzeitig in Ruhestand gehen.3
Die Folgen der Menopause sind also sehr real. Und ja, sie kosten richtig viel Geld. Einen Lebensabschnitt als Problem zu framen, der mehr als die Hälfte der Bevölkerung betrifft, ist allerdings ein schwerer Fehler. Und übt unglaublichen Druck aus auf die Betroffenen, dass wieder alles so funktionieren muss wie früher – im Job, in der Familie, in der Partner*innenschaft. Doch diese Veränderung als Problem zu markieren ist ungefähr so wie zu behaupten, die Periode sei ein Problem. Gebärfähigkeit sei ein Problem. Ejakulieren. Schwangerschaften. Atmen. Diese Art der Debattenführung kennen wir schon vom Altern: »Die Menschen werden immer älter!« klagt die Politik zum Beispiel mit Bezug auf die finanziellen Belastungen der Versicherungssysteme – als wäre daran irgendetwas falsch. Aber genau wie das Altern ist die Menopause kein Problem, sondern zunächst einmal ein Fakt, mit dem wir gesellschaftspolitisch umgehen müssen, anstatt ihn zu tabuisieren, zu problematisieren oder zu ignorieren. Frauen werden in diesem Zusammenhang nach wie vor auf ihre Körper reduziert, während sie sich zugleich dafür rechtfertigen müssen, überhaupt Körper zu haben. Zu menstruieren. Hormone zu haben. Frauen in den Wechseljahren sind kein Problem. Sie SIND einfach. Das Problem besteht vielmehr aus sexistischer Ignoranz und Diskriminierung. | Was tut die Politik?
Inzwischen fängt auch die Politik an, das zu erkennen. Ausgehend von einer immer breiter werdenden gesellschaftlichen Debatte, Büchern4 und Aktivist*innen wie unserer grandiosen Freundin Silke Burmester mit ihrem Projekt »Palais Fluxx«5, die das Thema in die Öffentlichkeit tragen, gibt es erste zarte Ansätze, das Thema endlich anzugehen. Im Bundestag wurden 2024 erstmals Forderungen nach einer nationalen Menopausenstrategie beraten.6 Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Frauen nicht nur sporadisch und vereinzelt von diesem Phänomen betroffen sind, sondern womöglich sogar systemisch. (Huch, wer hätte das auch ahnen können?!?) Der Antrag von der Union erkennt an, dass die Wechseljahre ein bedeutender Lebensabschnitt sind, der mit »physischen, psychischen und sozialen Veränderungen« einhergeht. Abgeordnete forderten, das Thema Wechseljahre in das betriebliche Gesundheitsmanagement aufzunehmen, Arbeitgeber*innen zu sensibilisieren und die Arbeitsbedingungen entsprechend anzupassen. Wechseljahre seien ein bedeutender Lebensabschnitt einer jeden Frau, heißt es da. Sinnvoll wäre es, wenn die Politik hier nicht nur binär denkt, sondern direkt trans* und nicht binäre Menschen einbezieht – denn auch sie können in die Wechseljahre kommen. Leider wurde der Antrag im Zuge des Koalitionsbruchs in Ausschüssen versenkt, wo er bis heute auf Umsetzung wartet. Immerhin hat Bundesforschungsministerin Dorothee Bär inzwischen angekündigt, 13 Millionen Euro für die Forschung rund um die Wechseljahre bereitzustellen.7 Das ist zwar ein Anfang, reicht aber bei weitem nicht. | Was muss getan werden?
Neben den medizinischen und den wirtschaftlichen Aspekten wird bislang nahezu vollumfänglich ausgeblendet, dass es sich bei den Wechseljahren um einen biologischen Vorgang handelt, der als Teil des Menschseins dazugehören dürfen sollte, anstatt tabuisiert oder skandalisiert zu werden. Es ist wichtig und richtig, dass Forschung betrieben wird und Betroffene Medikamente erhalten oder Methoden an die Hand bekommen, die ihre Beschwerden lindern – wenn sie es denn wünschen. Die Menopause ist aber nichts, was sich einfach nur weg medikamentieren lässt.8 Denn hier ist eine ganzheitliche Betrachtung nötig, ganz ohne Druck auf die Betroffenen auszuüben. Diese Zeit der biologischen Umstellung ist ein fundamentaler Lebensabschnitt, bei dem Betroffene viel zu oft gesagt bekommen, sie seien nervig, launisch, anstrengend oder irgendwie kaputt. Und sollten doch bitte genauso funktionieren wie vor der Umstellung. Im patriarchalen System ist es überhaupt nicht vorgesehen, dass Frauen sich verändern und diesen gravierenden Einschnitt nutzen, um sich neu zu orientieren, sich neu zu finden und sich um sich selbst zu kümmern. Insbesondere (peri)menopausierende Frauen in Heterobeziehungen müssen immer wieder feststellen, wie wenig Unterstützung ihr Partner ihnen zukommen lässt.9 Und wie wenig ihr Partner oft über die Wechseljahre weiß! Viele Frauen schicken ihren Partnern verzweifelt Artikel zum Thema, damit die sich überhaupt mal damit beschäftigen, was für grundlegende Veränderungen im Körper ihrer Partnerin ablaufen.
Ganz allgemein werden diese Frauen von Männern gerne als schwierig und anstrengend bezeichnet – einfach weil sie sich womöglich nicht mehr alles bieten lassen, nicht mehr stillschweigend den Hauptanteil der Care-Arbeit übernehmen und sich nicht mehr optimieren, um sexuell verfügbar zu bleiben. (Peri)menopausierende Frauen sind häufig »out of fucks to give« wie man im Englischen sagen würden10 – sie scheren sich nicht mehr um die Erwartungen anderer. Der Körper ändert sich von Grund auf und mit ihm womöglich die Sicht auf sich und auf die Welt.
Diese Frauen sind es leid, gefällig zu sein und haben sexistische Spielchen nun wirklich lange genug mitgespielt. Sie sind eine Wucht. Sie sind eine Macht, die als solche allerdings nicht sichtbar ist. Und von der Politik auch als solche nicht adressiert wird. (Stattdessen werden Frauen in den Wechseljahren gerne versteckt in anderen Kohorten wie Boomer*innen, Landbevölkerung oder ehrenamtlich Tätigen.) Warum? Na, anderenfalls könnten diese Frauen ja merken, wieviel (Veränderungs)kraft in ihnen steckt. Wäre ja schlimm, wenn (peri)menopausierenden Frauen am Ende noch auffallen würde, welchen Einfluss sie haben könnten. Weil sie über massive Kaufkraft verfügen, eine relevante Gruppe der Wahlberechtigten sind, pflegen, sich kümmern, machen und tun – und im eigentlichen Sinn des Wortes tatsächlich systemrelevant sind. | Verschwitzte Grüße von euren PINKSTINKS-Politikbeobachter*innen | Lesetipp zum Thema: Die oben erwähnte, großartige und erleuchtete Silke Burmester hat für die »taz« diesen fantastischen Text über die Wechseljahre verfasst, den wir euch ans Herz legen möchten: »Ich glaube, ich mag mich so sehr wie noch nie« | P.S.: Auch das tolle Töchterkollektiv ruft zum Frauenstreik am 9. März auf. 👊🏽👊🏻👊🏿 Und sucht noch Mitstreiter*innen für die Orga! Wenn ihr aktiv werden wollt, könnt ihr euch einfach hier ins Formular eintragen. Mehr Infos zum Töchterkollektiv und zu den geplanten Aktionen erfahrt ihr auf dieser Website. | P.P.S.: Habt ihr euch zum 8. März denn schon mit unseren Stickern und Blöcken eingedeckt? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit, ihr wollt doch nicht mit leeren Händen auf die Straße gehen, oder? Schnell zum Shop! | | |
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