Subject: Ein Interview, das Anstöße gibt

Selbstwirksamkeit vs. Ohnmachtsgefühl



Liebe Freund*innen,

im September sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Die Umfrageergebnisse für Sachsen-Anhalt, die Mitte Mai bekannt wurden, sind erschütternd: 41 Prozent für die AfD.1 Aber, und das betonen die Aktivist*innen der Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt gerade immer wieder: Es sind noch dreieinhalb Monate zur Wahl, in denen kann sich noch viel verändern. Was sie jetzt brauchen, ist Unterstützung und Solidarität aus ganz Deutschland. In einem Newsletter im Juni schreiben wir nochmal etwas genauer auf, wie sich alle die einbringen können, die nicht in Sachsen-Anhalt leben. (Kleiner Hinweis jetzt schon mal: Schaut unsere »Gemeinsam stark: Schritte gegen rechts«-Tipps in den alten Newslettern durch, da findet sich einiges, das passt.)

Was wir alle leider viel zu oft übersehen: Die AfD kann gestoppt werden. Diese Erzählung, dass die AfD nicht aufzuhalten ist, hilft der AfD, verbreitet Ohnmacht – ist aber Quatsch. In der Berichterstattung geht nämlich folgendes unter: In den vergangenen Wochen hat die AfD auf kommunaler Ebene sehr viele Wahlen – Stichwahlen – verloren.2 Es ist also nicht aussichtslos und der Einsatz gegen antifeministische und antidemokratische Kandidat*innen lohnt sich.

Doch wie kann jede*r einzelne das Gefühl haben, etwas verändern zu können und die Veränderung zu spüren? Mehr Selbstwirksamkeit im Alltag ist die Lösung.3 Dafür haben wir vor anderthalb Jahren die oben schon angesprochene Newsletter-Rubrik »Gemeinsam stark: Schritte gegen rechts« gestartet. Dort machen wir ganz praktische Vorschläge, wie wir alle zusammen im Großen wie im Kleinen gegen Rechtsextremismus, Antifeminismus und Menschenfeindlichkeit vorgehen können. In dieser Newsletter-Ausgabe wird die Rubrik im Mittelpunkt stehen: Wir haben für euch ein Interview geführt, das zeigt, wie aus dem Engagement von Einzelnen so etwas Großes werden kann. Und wie wichtig das Engagement von Unternehmen und auch das Stellung-Beziehen innerhalb der Unternehmen ist. Das Interview zeigt auch: Gemeinsam können wir so viel bewegen!

Herzliche Grüße 

Euer PINKSTINKS Team

Lesehinweis: Unter dem Interview findet ihr dann unsere beliebte Rubrik »Was wir euch außerdem ans Herz legen möchten«.

PS: Dieser Newsletter erreicht fast 30.000 Menschen. Aber wir brauchen hier noch viel mehr, haben jedoch kein Werbebudget. Daher unsere Bitte an euch: Erzählt anderen von unserem Newsletter, leitet ihn weiter! Das ist eine riesige Unterstützung für uns und unsere Arbeit! Anmelden geht ganz einfach über diesen Link.

Quellen

1: mdr.de: »Umfrage zur Landtagswahl: AfD legt auf 41 Prozent zu – CDU bei 26 Prozent« vom 08.05.2026 (besucht am 20.05.2026)

2: taz.de: »Niederlagenserie der AfD im Osten: Verloren, verloren, verloren, verloren, verloren …« vom 11.05.2026 (besucht am 20.05.2026) und volksverpetzer.de: »Die AfD verliert alle Wahlen im Osten – und keiner bekommt es mit« vom 14.04.2026 (besucht am 04.05.2026) 

3: taz.de: »Krise der Demokratie: Keine Macht der Ohnmacht« vom 14.04.2026 (besucht am 04.05.2026) und spiegel.de: »Krieg, Inflation, Klima – ich fühle mich so ohnmächtig. Was jetzt hilft« (€) vom 01.05.2026 (besucht am 20.05.2026)

Gemeinsam stark: Schritte gegen rechts

Statt eines Tipps haben wir dieses Mal eine andere Inspiration für euch: ein Interview mit Sylvia Pfefferkorn. Sie hat 2016 gemeinsam mit neun anderen Unternehmer*innen das Netzwerk »Welcome Saxony – Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen« gegründet und leitet die Geschäftsstelle. Der Verein bietet Workshops, Beratung und Kommunikationshilfen an, fast 160 Unternehmen sind mittlerweile Mitglied. In Sachsen steht in diesem Jahr keine Landtagswahl an, die AfD liegt dort laut Umfragen bei etwa 30 Prozent.

Frau Pfefferkorn, was treibt Sie an, Unternehmen in Sachsen dazu zu bewegen, sich gegen Rechtsextremismus einzusetzen?

Wir setzen uns nicht gegen Rechtsextremismus ein, sondern für etwas – nämlich dafür, dass Sachsen ein weltoffener Lebens- und Arbeitsstandort ist. Sachsen hat eine großartige Kulturlandschaft, exzellente Forschungseinrichtungen, eine prosperierende Wirtschaft, viele Internationals. Wir setzen uns für eine ehrliche Willkommenskultur ein und versuchen, optimistisch in die Welt zu blicken. Auch wenn es heutzutage nicht immer leicht ist. Ich habe 2015 / 2016 begonnen, mich zu engagieren, als die Ausschreitungen im Zuge der Einwanderung von Flüchtlingen weltweit ein negatives Bild von Sachsen zeichneten. Wir als Unternehmen wollten etwas Positives daneben setzen und zeigen, dass Sachsen eben anders ist. Inzwischen bieten wir viele verschiedene Unterstützungsangebote für Unternehmen an.

Foto: Lars Neumann

Sie sagen, dass Neutralität oft Teil des Problems ist. Warum reicht es heute nicht mehr aus, wenn Firmen sich aus der Politik heraushalten?

Firmen können und sollen parteipolitisch neutral sein. Aber der Demokratie gegenüber kann man nicht neutral sein. Man ist entweder für das Grundgesetz oder dagegen. Viele Menschen wünschen sich, dass Unternehmen sich für Respekt und Vielfalt einsetzen. Nicht durch Aktionismus oder moralisierend, eher durch klare Haltung. Das ist insbesondere wirtschaftlich relevant. Demokratien stehen wirtschaftlich besser da als Autokratien, weil sie verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen bieten und weil sie von der Vielfalt der Menschen und Meinungen profitieren. In einer Autokratie wächst die Korruption, Wissenschaftsfreiheit wird eingeschränkt, Kunst wird eingegrenzt, es gibt keine Verlässlichkeit mehr. Das sehen wir zum Beispiel in Ungarn oder den USA.

Rechtsextremismus geht oft Hand in Hand mit Antifeminismus. Wie erleben Sie die Verbindung zwischen den beiden Themen in Ihrer täglichen Arbeit?

Ich habe noch nie so viele Gespräche wie jetzt geführt, vor allem mit jungen Frauen, die sagen, »Wir wollen wenigstens den derzeitigen Stand der Frauenrechte für unsere Töchter erhalten«. Frauenrechte werden besonders in Autokratien zurückgerollt. Die Frauenbilder von »zurück an den Herd«, die inzwischen vermehrt verbreitet werden, sind problematisch. Wir können doch nicht auf die Hälfte der intellektuellen Kapazität der Menschheit verzichten! Wir müssen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen erhalten. Das ist wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Sie arbeiten an Alltagsproblemen in den Firmen. Welche Sorgen beschäftigen weiblich gelesene Personen dort besonders im aktuellen politischen Klima?

Sexismus und Rassismus gehen Hand in Hand. Was beide gemeinsam haben: eine Gruppe von Menschen abwertend zu betrachten. Sexismus ist kein Problem, das durch Migranten oder Geflüchtete ausgelöst wird. Jede Frau in jeder Gesellschaft erlebt das. Überall. Am Arbeitsplatz kann das so aussehen, dass Frauen zum Beispiel nicht so ernst genommen oder gehört werden – aber auch durch Übergriffe. Deshalb ist es für Unternehmen so wichtig, ein Wertegerüst zu entwickeln, das die Angestellten vor beidem schützt. Wir bieten unter dem Titel »partnerschaftliche Zusammenarbeit« verschiedene Formate an, die sowohl Sexismus als auch Rassismus umfassen, aber auch vieles mehr. Das hat erstens wirtschaftlich positive Effekte und sorgt zweitens für eine höhere Angestelltenzufriedenheit. Wir sollten einander mit Achtung und Respekt begegnen. Damit wäre der Welt schon sehr geholfen.

Wenn im Team plötzlich über »traditionelle Werte« oder gegen »Gender-Ideologie« gewettert wird: Wie lässt sich da Kontra geben, ohne die Gesprächsebene zu verlieren?

Sich Verbündete suchen. Und die Person konfrontieren, aber nicht nur mit Fakten, sondern auch auf emotionaler Ebene. Zum Beispiel mit Fragen wie »Wie würde es dir denn gehen, wenn ich das zu dir sage?« oder »Möchtest Du, dass Deine Tochter so behandelt wird?«

Was können unsere Leser*innen heute tun, um in ihrem eigenen beruflichen Umfeld aktiv zu werden? Welche Rolle können Frauen und Netzwerke spielen, um den Druck auf Unternehmensebene zu erhöhen?

30 Prozent sind 30 Prozent, in Sachsen und in Unternehmen. Aber das bedeutet: Es gibt 70 Prozent, die sich der Demokratie und dem Zusammenhalt verpflichtet fühlen – und die werden allein durch das Bewusstsein gestärkt, dass sie in der Mehrzahl sind. Wichtig ist, offen miteinander zu reden und sich auszutauschen. Auch darüber, »Was ist dir passiert?« Welchen Effekt das hat, zeigt ja der Fall Collien Fernandes. Wir sollten nicht hinterm Berg halten, sondern gemeinsam die Frage stellen: Was können wir zusammen tun? Wo können wir Beratung und Unterstützung finden? Deshalb sind Frauennetzwerke ganz wichtig. Als Frau in einer Führungsposition: Frauen nachziehen und aufbauen. Frauen werden nicht nur übersehen, sie müssen für die gleiche Position viel besser vorbereitet sein und härter arbeiten. Zeigen, dass Macht etwas Positives sein kann – wenn sie zur Gestaltung genutzt wird.

Wie gehen Sie mit dem Gegenwind um, den Ihre Arbeit mit sich bringt?

Mit Humor. Wenn man die Nase raushält, dann gibt's auch Gegenwind. Damit muss man leben, wenn man Position bezieht. Aber ich habe meine Jugend in einer Diktatur verbracht und setze mich dafür ein, dass die freiheitliche demokratische Grundordnung die Basis unseres Zusammenlebens bleibt.

Was macht Ihnen Mut, wenn Sie an die Zukunft denken?

Die junge Generation, für die Offenheit und Vielfalt selbstverständlich ist. Unternehmenslenkende, die Position beziehen. Der hervorragende Lebens- und Wirtschaftsstandort und die vielen Engagierten, die es hier gibt und die sich für die Demokratie einsetzen.

Mehr zu »Welcome Saxony« und Sylvia Pfefferkorns Arbeit – zum Beispiel die Beratungen und die Workshops, die der Verein anbietet – findet ihr hierAns Herz legen möchten wir euch vor allem die vielen praktischen Argumentationshilfen, die das Netzwerk zusammengestellt hat, um euch in Gesprächen an der Arbeit zu unterstützen.

Was wir euch außerdem ans Herz legen möchten:

Video-Tipp

Die von uns hoch verehrte Mareice Kaiser – feministische Vordenkerin und Autorin – war auf der Digital-Konferenz re:publica Anfang der Woche auf dem Panel »Unsichtbare Ordnung? Was Klasse heute bedeutet« und hat so viele wichtige Dinge gesagt! Glücklicherweise gibt es schon einen Videomitschnitt, absolute Guckempfehlung!

Workshop-Tipp

Das Kulturbüro Sachsen bietet den Workshop »Souverän reagieren auf menschenfeindliche Äußerungen« in Bautzen, Boxberg, Taucha und Döbeln an. Wie reagieren und in welchen Fällen? Wann sollten Grenzen gesetzt werden? An praktischen Beispielen und Übungen wird hier ein sicherer Umgang mit menschenfeindlichen Aussagen vermittelt. Mehr Infos bekommt ihr hier.

Lesetipp I

1996 schrieben Feministinnen eines Frauenbuchladens in Italien einen Text mit einer ebenso provokanten wie radikalen These: Das Patriarchat ist zu Ende. »Geschichte der Gegenwart« macht einen deep dive und schaut sich an, was damals dazu geführt hat und was wir für heute mitnehmen können: »Das Patriarchat ist zu Ende… und es ist nicht zum Lachen«

Lesetipp II

Das Gunda Werner Institut hat eine neue Broschüre herausgegeben, auf die wir sehr gerne hinweisen: »Positive Narrative - Eine Methode, um Männer und Jungen zu inspirieren, sich zu entfalten und zu einer Welt der Gleichberechtigung beizutragen«. Hier bekommt ihr mehr Infos und könnt sie als als PDF runterladen.

Hörtipp I

Die feministische Autorin und Digitalexpertin Ingrid Brodnig war im Podcast »Fehrensen« zu Gast. Hörenswert! »Feindbild Frau: Ingrid Brodnig über systematische digitale Gewalt gegen Politikerinnen«

Newsletter-Tipp

Darf man »behindert« sagen? Warum ist U-Bahn fahren für manche Autist*innen schwierig? Wie ist Urlaub für Menschen im Rollstuhl? Im »Freitagmorgen«-Newsletter von »andererseits« könnt ihr Behinderungen besser verstehen lernen. Über 25.000 Menschen lesen ihn bereits wöchentlich. Jetzt hier kostenlos anmelden.

Veranstaltungstipp

Habt ihr euch schon mal gefragt, warum Masturbation bis heute so viel Scham auslöst? Und warum besonders weibliche Lust immer noch so oft tabuisiert wird? Der Film »HOT CUNT | reconsidering pleasure« von Toti Baches lädt dazu ein, darüber gemeinsam nachzudenken, zu lachen und die eigenen Vorstellungen von Lust neu zu betrachten. Premiere ist am 28.05.2026 im 3001 Kino in Hamburg, danach tourt der Film durch Kinos in Deutschland. Die ersten Orte und Termine erfahrt ihr hier.

Hörtipp II

Wir feiern diese Zusammenarbeit, der Song »WUT« läuft im PINKSTINKS Büro mindestens täglich: Lady Bitch Ray, Ebow & Maryibu mit Carolin Kebekus. Hier könnt ihr den Song auf Youtube anschauen/anhören.

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