Sie sagen, dass Neutralität oft Teil des Problems ist. Warum reicht es heute nicht mehr aus, wenn Firmen sich aus der Politik heraushalten? |
Firmen können und sollen parteipolitisch neutral sein. Aber der Demokratie gegenüber kann man nicht neutral sein. Man ist entweder für das Grundgesetz oder dagegen. Viele Menschen wünschen sich, dass Unternehmen sich für Respekt und Vielfalt einsetzen. Nicht durch Aktionismus oder moralisierend, eher durch klare Haltung. Das ist insbesondere wirtschaftlich relevant. Demokratien stehen wirtschaftlich besser da als Autokratien, weil sie verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen bieten und weil sie von der Vielfalt der Menschen und Meinungen profitieren. In einer Autokratie wächst die Korruption, Wissenschaftsfreiheit wird eingeschränkt, Kunst wird eingegrenzt, es gibt keine Verlässlichkeit mehr. Das sehen wir zum Beispiel in Ungarn oder den USA. |
Rechtsextremismus geht oft Hand in Hand mit Antifeminismus. Wie erleben Sie die Verbindung zwischen den beiden Themen in Ihrer täglichen Arbeit? |
Ich habe noch nie so viele Gespräche wie jetzt geführt, vor allem mit jungen Frauen, die sagen, »Wir wollen wenigstens den derzeitigen Stand der Frauenrechte für unsere Töchter erhalten«. Frauenrechte werden besonders in Autokratien zurückgerollt. Die Frauenbilder von »zurück an den Herd«, die inzwischen vermehrt verbreitet werden, sind problematisch. Wir können doch nicht auf die Hälfte der intellektuellen Kapazität der Menschheit verzichten! Wir müssen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen erhalten. Das ist wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. |
Sie arbeiten an Alltagsproblemen in den Firmen. Welche Sorgen beschäftigen weiblich gelesene Personen dort besonders im aktuellen politischen Klima? |
Sexismus und Rassismus gehen Hand in Hand. Was beide gemeinsam haben: eine Gruppe von Menschen abwertend zu betrachten. Sexismus ist kein Problem, das durch Migranten oder Geflüchtete ausgelöst wird. Jede Frau in jeder Gesellschaft erlebt das. Überall. Am Arbeitsplatz kann das so aussehen, dass Frauen zum Beispiel nicht so ernst genommen oder gehört werden – aber auch durch Übergriffe. Deshalb ist es für Unternehmen so wichtig, ein Wertegerüst zu entwickeln, das die Angestellten vor beidem schützt. Wir bieten unter dem Titel »partnerschaftliche Zusammenarbeit« verschiedene Formate an, die sowohl Sexismus als auch Rassismus umfassen, aber auch vieles mehr. Das hat erstens wirtschaftlich positive Effekte und sorgt zweitens für eine höhere Angestelltenzufriedenheit. Wir sollten einander mit Achtung und Respekt begegnen. Damit wäre der Welt schon sehr geholfen. |
Wenn im Team plötzlich über »traditionelle Werte« oder gegen »Gender-Ideologie« gewettert wird: Wie lässt sich da Kontra geben, ohne die Gesprächsebene zu verlieren? |
Sich Verbündete suchen. Und die Person konfrontieren, aber nicht nur mit Fakten, sondern auch auf emotionaler Ebene. Zum Beispiel mit Fragen wie »Wie würde es dir denn gehen, wenn ich das zu dir sage?« oder »Möchtest Du, dass Deine Tochter so behandelt wird?« |
Was können unsere Leser*innen heute tun, um in ihrem eigenen beruflichen Umfeld aktiv zu werden? Welche Rolle können Frauen und Netzwerke spielen, um den Druck auf Unternehmensebene zu erhöhen? |
30 Prozent sind 30 Prozent, in Sachsen und in Unternehmen. Aber das bedeutet: Es gibt 70 Prozent, die sich der Demokratie und dem Zusammenhalt verpflichtet fühlen – und die werden allein durch das Bewusstsein gestärkt, dass sie in der Mehrzahl sind. Wichtig ist, offen miteinander zu reden und sich auszutauschen. Auch darüber, »Was ist dir passiert?« Welchen Effekt das hat, zeigt ja der Fall Collien Fernandes. Wir sollten nicht hinterm Berg halten, sondern gemeinsam die Frage stellen: Was können wir zusammen tun? Wo können wir Beratung und Unterstützung finden? Deshalb sind Frauennetzwerke ganz wichtig. Als Frau in einer Führungsposition: Frauen nachziehen und aufbauen. Frauen werden nicht nur übersehen, sie müssen für die gleiche Position viel besser vorbereitet sein und härter arbeiten. Zeigen, dass Macht etwas Positives sein kann – wenn sie zur Gestaltung genutzt wird. |
Wie gehen Sie mit dem Gegenwind um, den Ihre Arbeit mit sich bringt? |
Mit Humor. Wenn man die Nase raushält, dann gibt's auch Gegenwind. Damit muss man leben, wenn man Position bezieht. Aber ich habe meine Jugend in einer Diktatur verbracht und setze mich dafür ein, dass die freiheitliche demokratische Grundordnung die Basis unseres Zusammenlebens bleibt. |
Was macht Ihnen Mut, wenn Sie an die Zukunft denken? |
Die junge Generation, für die Offenheit und Vielfalt selbstverständlich ist. Unternehmenslenkende, die Position beziehen. Der hervorragende Lebens- und Wirtschaftsstandort und die vielen Engagierten, die es hier gibt und die sich für die Demokratie einsetzen. |