Subject: Hier wird sexualisierte Gewalt digitalisiert

*** Politikbeobachter*in ***

Politikbeobachter*in




Inhaltshinweis: Im folgenden Text geht es um sexualisierte Gewalt.


Liebe Freund*innen,


die zentrale Zahl dieses Newsletters lautet 6700. So viele Fake-Nacktbilder werden stündlich auf und durch Elon Musks KI-Plattform Grok von eigentlich bekleideten Frauen und Mädchen erzeugt.1 Gegen deren Willen natürlich. Was sich in den vergangenen Tagen zu einem Skandal entwickelt hat, auf den politisch Verantwortliche in diversen Regierungen weltweit oftmals leider nur desinteressiert-träge bis kriecherisch-nachgiebig reagieren, ist Teil eines viel größeren Problems. Und da PINKSTINKS schon seit Jahren vor dieser digitalen Industrialisierung von Belästigung, Erniedrigung und sexualisierter Gewalt gegen Frauen warnt2, wollen wir da heute in unserer Politikbeobachter*in-Ausgabe für und mit euch genauer hinzuschauen. Eine kleine Warnung, bevor es richtig losgeht: Der folgende Text ist leider hart, aber es ist so wichtig, dass wir uns damit befassen.

Was passiert gerade?


Der KI-Chatbot Grok und sein Mutterkonzern xAI sind in die Kritik geraten, weil wegen der Einbindung von Grok in die Social-Media-Plattform X (früher: Twitter) sichtbar wurde, dass zahlreiche User mithilfe von künstlicher Intelligenz gefälschte Nacktbilder von Frauen und Mädchen erzeugen. Während Investoren wie der Chiphersteller Nvidia oder das Emirat Katar frisches Geld nachschießen, benutzen Männer die Technologie, um vor allem berühmte oder mächtige Frauen und minderjährige Mädchen durch öffentliche »Nacktmachung« zu erniedrigen.3 Dafür füttern sie die KI, die aus Textanweisungen (sogenannten Prompts) Bilder und Videos erstellen kann, mit Aufforderungen. Die Männer lassen Grok die Köpfe ihrer Opfer auf leichtbekleidete oder nackte Frauenkörper montieren, die sie damit ebenfalls zu Opfern machen. Oder sie fordern Grok auf, Frauen und Mädchen mit einer Donut-Glasur zu überziehen, um sich so der bildlichen Darstellung eines Körpers anzunähern, auf den massenhaft ejakuliert wurde.4 (Bitte entschuldigt hier unsere explizite Sprache, aber es ist uns wichtig, genau zu beschreiben, was beabsichtigt ist.)

Das funktioniert vor allem deshalb, weil Musk sein KI-Tool Grok so »anti-woke« wie möglich haben will. Seiner Meinung nach programmieren andere KI-Firmen ihre Produkte viel zu zahm, limitiert und wahrheitsfern, so dass man(n) in der Nutzung nicht wirklich frei sein könne. Mit dem Ergebnis, dass Musks Plattform Verschwörungstheorien für wahr erklärt, den Holocaust leugnet, Hitler feiert oder eben bereitwillig Männern hilft, Frauen und Mädchen sexualisierte Gewalt zuzufügen.5 

Wie hätte Musk das auch ahnen können: Da hofiert er rechte Männlichkeitsfanatiker auf seiner Plattform, gibt ihnen mächtige, kaum limitierte Werkzeuge in die Hand und dann benutzen sie die, um Frauen und Mädchen Schaden zuzufügen. Ja, ach was!

Wie sieht die Zukunft aus?


Musk und seine KI Grok sind allerdings nur die Spitze des Eisberges. Unter der Oberfläche lauert eine gigantische, Geld verschlingende KI-Industrie, die mit ihren Produkten bislang kaum Gewinne erzielen kann und deshalb immer unverhohlener mit Möglichkeiten der Pornografisierung liebäugelt. OpenAI zum Beispiel, die Firma hinter ChatGPT, erwägt Möglichkeiten, wie ihre Technologie »verantwortlich Pornografie generieren kann«.6 Bei OpenAI will man sich also nicht in die Untiefen von Grok begeben und kann gleichzeitig nicht der Versuchung widerstehen, Geld mit dem Technologietreiber Pornografie verdienen zu wollen. (Wie gut Pornografie eine Technologie in hohe Umsätze und damit Gewinne treibt, war in den vergangenen Jahrzehnten zum Beispiel bei VHS, Streaming oder Onlinebezahlsystemen zu beobachten.7) Gelockt von den Umsätzen, die sogenannte Nudify-Apps seit Jahren generieren, wollen OpenAI und andere KI-Unternehmen jetzt auch ihr Stück vom Kuchen. Nudify-Apps tun ganz unverhohlen das, wozu man Grok durch umständliche Prompts kriegen muss: Sie betreiben illegale Nacktmachung von Frauen und Mädchen und werben dafür – unter anderem auf Metas Plattformen Facebook und Instagram.8 Gegenwärtig besteht eine Art Pattsituation: Kleinere Firmen versuchen von der Nacktmachung und den damit verbundenen Erniedrigungsmöglichkeiten von Frauen und Mädchen zu profitieren, haben aber kaum ausreichende finanzielle oder technologische Mittel, um es wirklich täuschend echt wirken zu lassen. Sie versuchen es trotzdem und verdienen selbst damit viel Geld. Die großen Firmen halten sich derzeit noch zurück – auch weil sie Staaten und Regierungen als potenzielle Kund*innen nicht vergrätzen wollen. Und würden trotzdem gerne.

Das Fundament dieses Eisbergs aber ist und bleibt der Frauenhass. Das zeigt ein Blick auf Daten. Auch wenn sich Deepfakes – also gefälschte, aber realistisch wirkende Videos oder Bilder – theoretisch für alles Mögliche einsetzen lassen: 96% aller online Deepfakes sind pornografisch und betreffen fast ausschließlich Frauen.9 Nudify-Dienste und andere Deepfake-Angebote wachsen explosionsartig. Allein innerhalb eines Jahres ist die Erstellung von Deepfake-Pornografie um 464% angestiegen.10

Unesco und UN sprechen schon längst von »technologiegestützter Gewalt gegen Frauen und Mädchen«.11 Studien zeigen, dass Männer diese Technologie nutzen, um Dominanz und Herrschaft über Frauenkörper auszuüben und dass die Herstellung dieser Bilder und Videos gleichzeitig der soziale Klebstoff ist, der misogyne Online-Gruppen zusammenhält.12

Während Frauen und Mädchen auf diese Weise systematisch erniedrigt, sexualisiert und mit Gewalt überzogen werden, fehlt bei einem erheblichen Teil der Nutzer jegliche Form von Schuldgefühl oder Reue.13

Was kann dagegen getan werden?


Das Problem ist gewaltig und muss auf allen Ebenen bekämpft werden. Dieser Kampf lässt sich nur unter Einbeziehung feministischer Perspektiven führen. Denn die sind nötig, um den Eisberg in seinen gesamten Ausmaßen sichtbar zu machen und dann gemeinsam aus dem Weg zu räumen. Ja, Grok und Elon Musk müssen reguliert, verklagt und zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist richtig und wichtig, dass Staaten wie Indonesien und Malaysia Grok blockieren.14 Es ist auch gut, dass der britische Premierminister Starmer Kritik an Musk und dessen KI-Unternehmen xAI äußert und seine Regierung ebenfalls eine Sperre in Betracht zieht.15 Aber das reicht nicht. Wo bleiben die anderen Staaten? Die EU-Kommission hat bisher darauf verzichtet, Maßnahmen zu ergreifen.16 Und von der Bundesregierung – allen voran von Kanzler Merz – kam bislang viel zu wenig.17 

Für diese Technologie müssen verbindliche Regeln und Gesetze geschaffen werden. Doch das Problem geht über KI hinaus und entsprechend muss gehandelt werden: Es sind gut ausgestattete Programme und Maßnahmen nötig, um endlich der globalen Pandemie Frauenhass Einhalt zu gebieten. Zum Vergleich: Zu dem Umstand, dass über 40% der jungen Männer in Großbritannien den Frauenhasser und Zuhälter Andrew Tate positiv bewerten und die britische Regierung über Kurse gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt für Jungen nachdenkt, fällt der Oppositionsführerin Kemi Badenoch von der Conservative Party nur ein, dass britische Jungen und Männer ja nicht das Problem seien, sondern – natürlich – Migranten.18 Als wäre Frauenhass nicht in allen Gesellschaften fest verankert.

Zu guter Letzt muss Politik überall aufhören, vor Wirtschaftsinteressen zu kuschen. Elon Musk und sein Firmennetzwerk sind nicht »too big to fail«. Sie scheitern andauernd und lassen es andere ausbaden. Wenn misogyne Firmen systemrelevant sind, dann ist am Ende das System ein Problem und muss verändert werden. Das ist Politiker*innen, die sich immer wieder Wirtschaftsinteressen anbiedern, nicht zuzutrauen. Deshalb müssen sie auch immer wieder daran erinnert werden, was ihr Job ist und dass sie ihn gefälligst zu machen haben. Durch Wahlen. Durch harte Debatten. Durch Protest. Politiker*innen müssen zur Verantwortung gezogen werden, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden, andere konsequent im Interesse des Volkes zur Verantwortung zu ziehen. Die Inschrift auf dem Reichstag in Berlin lautet »Dem Deutschen Volke« und nicht »Dem milliardenschweren Tech-Konzerne«.

Um es klar zu sagen: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist gegenwärtig ein potenzielles Ziel für sexualisierte Gewalt im digitalen Raum. Höchste Zeit, dagegen unmissverständlich und nachhaltig einzuschreiten.

Widerständige Grüße!

Von euren PINKSTINKS-Politikbeobachter*innen

Lesetipp zum Thema: Dieses Mal haben wir keinen Lesetipp für euch. Denn es gibt sehr wenig deutschsprachige Berichterstattung zum Thema, die über das Nachrichtliche hinausgeht. Umso wichtiger, dass wir uns des Themas annehmen. Teilt den Newslettertext sehr gerne!

P.S.: In dem Kontext ist es noch bitterer, was HateAid widerfahren ist: In der Nacht zu Heiligabend hat die US-Regierung die Organisation sanktioniert, die beiden Geschäftsführerinnen Josephine Ballon und Anna-Lena von Hodenberg dürfen nicht mehr in die USA einreisen. (Hier geht’s zur Pressemitteilung von HateAid.) Das ist der Versuch, Kämpfer*innen gegen Online-Gewalt einzuschüchtern. Expert*innen, die wir als Gesellschaft dringend brauchen, um die Ausmaße und die Folgen von digitaler Gewalt einschätzen zu können und um gemeinsam Maßnahmen dagegen zu entwickeln. Daher: Unsere volle Solidarität geht raus an die tollen Kolleg*innen von HateAid!

P.P.S.: Ihr seid selber von digitaler Gewalt betroffen? Oder möchtet Menschen in eurem Umfeld unterstützen, die davon betroffen sind? In unserer Datenbank findet ihr hilfreiche Anlaufstellen zum Thema. 

Quellen:

1: theguardian.com: »Hundreds of nonconsensual AI images being created by Grok on X, data shows« vom 08.01.2026 (besucht am 14.01.2026)

2: pinkstinks.de: »Frauen gefügig fälschen« vom 03.06.2021 (besucht am 13.01.2026)

3: derstandard.at: »Deepfakes: Grok wird zum Werkzeug für Pädophile, die Investoren freut's« vom 08.01.2026 (besucht am 14.01.2026)

4: spiegel.de: »Nutzer missbrauchen Grok für sexualisierte Bilder von Frauen und Kindern« (€) vom 06.01.2026 (besucht am 14.01.2026)

5: wdr.de: »Künstliche Intelligenz: Wenn der Chatbot plötzlich Hitler feiert« vom 09.07.2025 (besucht am 14.01.2026)

6: wired.com: »OpenAI Is ‘Exploring’ How to Responsibly Generate AI Porn« vom 08.05.2024 (besucht am 14.01.2026)

7: chip.de: »Hätten Sie es gewusst? Diese Technologien wurden dank der Porno-Industrie groß« vom 24.03.2017 (besucht am 14.01.2026)

8: bbc.com: »Meta urged to go further in crackdown on 'nudify' apps« vom 12.06.2025 (besucht am 14.01.2026)

9: sensity.ai: »The State of Deepfakes 2024« (besucht am 14.01.2026)

10: securityhero.io: »2023 State of Deepfakes« (besucht am 14.01.2026)

11: unesco.org: »Your opinion doesn’t matter, anyway« vom 13.04.2023 (besucht am 14.01.2026) und unwomen.org: »FAQs: Digital abuse, trolling, stalking, and other forms of technology-facilitated violence against women and girls« vom 13.11.2025 (besucht am 14.01.2026)

12: lens.monash.edu: »Inside the minds of deepfake abusers: What drives AI-fuelled sexual abuse?« vom 04.12.2025 (besucht am 14.01.2026)

13: turing.ac.uk: »Behind the Deepfake: 8% Create; 90% Concerned - Surveying public exposure to and perceptions of deepfakes in the UK« als pdf (besucht am 14.01.2026)

14: heise.de: »Sexual deepfakes: First states block Grok, criticism of Google and Apple« vom 12.01.2026 (besucht am 14.01.2026)

15: tagesschau.de: »Musk attackiert britische Regierung im KI-Streit« vom 10.01.2026 (besucht am 14.01.2026)

16: handelsblatt.com: »Von der Leyen gerät unter Druck wegen Kinderpornografie auf X« vom 10.01.2025 (besucht am 14.01.2026)
17: sz-dossier.de: »Grok-Deepfakes I: Breite Kritik aus der Bundesregierung« (€) vom 08.01.2026 (besucht am 14.01.2026)

18: LBC auf Youtube: »‘Borderline disgusting’: James O’Brien on Kemi Badenoch’s claims about misogyny« vom 19.12.2025 (besucht am 14.01.2026)

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