Burnout – wirklich nur ein Führungsfehler?
Heute lese ich bei einem Kollegen, einem Executive Coach: „Burnout ist kein individuelles Versagen, sondern ein Führungsfehler.“
Eine harte Aussage. Und offenbar eine, die zunehmend als Wahrheit akzeptiert wird. Verwiesen wird in den Diskussionen auf Namen wie Gallup und Maslach und Neurobiologie.
Wenn ich dann einwende: „Nein, ich sehe das differenzierter“, kommt oft sinngemäß die Antwort: „Vielleicht sollten Sie sich noch etwas mehr einlesen, Frau Heimsoeth.“
Mir geht es um Differenzierung. Und in einem größeren Zusammenhang.
Im Mai war ich beim Heiligenfeld Kongress in Bad Kissingen und habe einen beeindruckenden Vortrag von Dr. Tobias Esch zum Thema Einsamkeit und Verbundenheit gehört.
Einsamkeit kann gravierende gesundheitliche Folgen haben. Sie beeinflusst unsere psychische und körperliche Gesundheit massiv – bis hin zu Depressionen und anderen schweren Erkrankungen wie Demenz.
Und jetzt eine Frage: Wer ist verantwortlich für Beziehungen und Verbundenheit?
Meine Antwort lautet: Wir alle.
Für mich sind Beziehungen einer der wichtigsten Burnout-Präventionsfaktoren überhaupt. Und ich stehe mit dieser Sicht nicht allein – zahlreiche Studien belegen die enorme Bedeutung von Verbundenheit, sozialer Unterstützung und echten Beziehungen.
Deshalb tue ich mich schwer damit, die Verantwortung ausschließlich bei Führungskräften abzuladen.
Ja – Führung beeinflusst Menschen. Führung prägt Kultur. Führung kann stärken oder schwächen.
Aber viele Führungskräfte stehen selbst in einer Sandwichposition: zwischen wirtschaftlichem Druck, Erwartungen von oben und Verantwortung für ihre Teams.
Und noch etwas beschäftigt mich:
Wenn Menschen am Sonntag noch beruflich telefonieren, gedanklich bei der Arbeit sind, nicht abschalten können, im Urlaub nicht zur Ruhe kommen und selbst freie Tage keinen Erholungseffekt mehr haben – möchte ich das nicht ausschließlich Führungskräften anlasten.
Menschen verlieren zunehmend die Fähigkeit, loszulassen, Langeweile auszuhalten und echte Regeneration und Erholung zuzulassen.
Auch dafür tragen wir Verantwortung – jeder einzelne.
Burnout entsteht selten durch einen Faktor. Nicht nur durch Führung. Nicht nur durch Systeme.
Es ist komplex. Menschlich. Vielschichtig.
Und genau deshalb sollten wir vorsichtig sein mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen.
Denn manchmal ist die Wirklichkeit größer als eine starke Überschrift.